Am Ende überwiegt die Dankbarkeit

19 Jahre lang sind auf der Stiegel T(D)ankstellengottes-dienste gefeiert worden, über 200 an der Zahl – doch der 210. war am Sonntag auch der letzte.

Hervorgegangen war das neue "Format" im Mai 1999 aus zwei Haus- oder Bibelgesprächskreisen, die sich einen etwas anderen Gottesdienst wünschten, einen, der sich durch Zeitpunkt, Musik und Ablauf vom regulären morgendlichen Sonntagsgottesdienst unterschied. Moderne Lieder sollte es geben, ein Kinderprogramm, Anspiele, wechselnde Referenten, die aktuelle Themen behandelten, und im Anschluss einen Imbiss. Die beiden Hauskreise trafen sich kurzerhand, wurden sich einig und gewannen Walter Maier, Pfarrer im Ruhestand, für die geistliche Leitung des Zweitgottesdienstes – er sollte sie viele Jahre lang behalten. Am 13. Februar 2000 fand die erste "T(D)ankstelle" statt; ihr Thema lautete "Anhalten – auftanken – aufatmen“.

Die T(D)ankstelle etablierte sich rasch im Tailfinger Gemeindeleben. Mehr als 50 Mitarbeiter aus Kirchen-gemeinde und CVJM arbeiteten über die Jahre im Vorbe-reitungsteam mit, 109 verschiedene Referenten waren im Gemeindezentrum Stiegel zu Gast – nur einer, erzählt Pfarrer Engele schmunzelnd, fuhr nach einstündiger Irrfahrt durch Tailfingen unverrichteter Dinge wieder heim, worauf Engele selbst für ihn einsprang und die Predigt hielt.

Derartige Probleme traten bei der letzten "Tanke" nicht auf: Der Referent, Musikproduzent Gerhard Schnitter, zeigte sich zwar beeindruckt von den winterlichen Straßenverhältnissen – "Wie kann man auch hier wohnen?" – traf aber wohlbehalten ein. Er war sehr gerne auf die Stiegel gekommen, wie überhaupt, so Pfarrer Engele, „die warme Atmosphäre und das herzliche Willkommen unsere Referenten immer sehr beeindruckt haben. Genau wie der Gesang!" Der war auch an diesem Abend wieder voller Hingabe, und das umso mehr, da mit Gerhard Schnitter ein namhafter christlicher Liedermacher die Lieder am Klavier begleitete. Mit Birgit und Sandra Gölz waren zudem zwei routinierte Vorsängerinnen mit von der Partie – letztere hat im Lauf von 19 Jahren über 200mal das gemeinsame Singen geleitet.
Ein weiterer fester Programmpunkt waren die lustigen Geschichten von Jimmy und Florian gewesen, den beiden Handpuppen, die kindgerecht zum Thema des Abends hinführten. Sie wussten auch, weshalb es den T(D)ankstellengottesdienst künftig nicht mehr geben wird: "Viele Mitarbeiter haben inzwischen graue Haare – nur wir sehen immer noch gleich aus!" Viele im Veranstalterteam waren von Anfang an dabei gewesen, nach 19 Jahren hatte sich eine gewisse Müdigkeit bei diesen "Altgedienten" eingestellt, und das bestehende System hatte allmählich etwas von seiner Offenheit für neue Ideen eingebüßt.

Dennoch besteht der Wunsch nach einem Zweitgottesdienst fort, und Pfarrer Christoph Fischer machte den Anwesenden auch Hoffnung: "Im Kirchendistrikt gibt es Überlegungen, gemeinsam wieder etwas Gutes an den Start zu bringen.“

Und so konnten die Gottesdienstbesucher einen Mutmacher mitnehmen – außerdem bekam jeder ein Pflänzchen zur Erinnerung geschenkt. Walter Maier, der mittlerweile 84 ist, zitierte in einer bewegenden Rede aus dem biblischen Buch Prediger – "Alles hat seine Zeit" – und verwies darauf, dass es nur wenige Zweitgottesdienste mit einer solch langen Geschichte gibt. "Formate ändern sich – „aber der Auftrag bleibt!" Bewusst hob Maier keinen Mitarbeiter namentlich hervor – dieses Projekt, erklärte er, sei immer Teamarbeit gewesen, und so mancher Helfer habe erst in der Vorbereitung auf die Gottesdienste seine Gaben und Talente entdeckt.

Auch Rolf Eppler, T(D)ankstellenmitarbeiter der ersten Stunde, antwortete auf die Frage nach dem, was ihm in dieser Zeit am wichtigsten gewesen sei: "Die Gemeinschaft. Und nicht nur das kameradschaftliche Miteinander, sondern die geistliche Gemeinschaft unter Gottes Wort." Als großes Geschenk bezeichnete Wolfgang Schairer die Gottesdienste. "Meinen persönlichen Glauben hat diese Zeit geprägt", sagte der Vorsitzende des CVJM Tailfingen. Und so, stellte auch Pfarrer Gottfried Engele "trotz blutendem Herzen" fest:
"Am Ende überwiegt die Dankbarkeit."